PRESS | HOLMQUIST / MUERTO

PRESS / MUERTO

Meurto
Ausgabe von Juni 2014 von Ungarns führender Fachzeitschrift für Museen und Kuratoren | Der Kunstkenner – Zeitschrift für Kunst und Kunstmarkt.

"Die letzte Mauer und der letzte Held"*
Von Edit Molnár

Die Geschichte der Kunstausstellung „Die dritte Mauer und der letzte Held“ beginnt im November 2013 im Goethe-Institut in Washington, DC.** Scott Holmquist, ein in Berlin lebender Künstler aus den Vereinigten Staaten und Martin Düspohl, der Leiter des FHXB Museums in Berlin (das Heimatmuseum im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg) reisten dorthin, um einen Vortrag mit dem Titel „Hausbesetzer Berlins / Pot-Anbauer Kaliforniens“ zu halten, der auf außergewöhnliches Interesse stieß. Sie legten den Schwerpunkt auf die veröffentlichen Geschichten von Randgruppen in Bezug auf Kunst und Aktivismus und stellten insbesondere die im Berliner Museum aufwendig ausgestellten Geschichten der Hausbesetzer den langen, jedoch völlig unsichtbaren, Geschichten von illegalen Cannabis-Bauern in Humboldt County (Kalifornien, USA) gegenüber.

Fast alle Berliner Bezirke haben Museen, die dem kollektiven Gedächtnis ihres Bezirks gewidmet sind. Aber das FHXB ist nicht nur ein Ausstellungsraum für Heimatgeschichte. Was es und sein historisches Archiv unterscheidet, ist seine Lage in Friedrichshain-Kreuzberg, einem Bezirk, der für seine aktive radikale Politik, zivilgesellschaftlichen Bewegungen und extremen Subkulturen bekannt ist. Allesamt Ausdruck von Überlebensstrategien, die unter einem ständig wachsenden kapitalistischen Druck entstanden sind. Ob Partisanenaktivitäten von linken Jugendlichen, Studenten oder Hausbesetzern, die gemeinsamen Anstrengungen, Mieterhöhungen und Räumungen zu begrenzen, die kulturellen Ausdrucksformen von Radikalfeministen, Solidaritätsaktionen gegenüber Einwanderern oder die jährlichen Mai-Demonstrationen zum Tag der Arbeit, das FHXB archiviert alles.

Diese Themen werden in einer der vor drei Jahren eröffneten Dauerausstellungen des Museums zur Schau gestellt. Das interaktive Design der Installation nutzt individuelle, mündlich erfragte Geschichten, um es Besuchern zu ermöglichen, bestimmte Orte auf einer Bezirkskarte zu betreten, die auf dem Boden der Galerie abgedruckt ist. Über diesen geht man, um den Bezirk zu erkunden. Nummerierte Punkte auf der Karte entsprechen Geschichten, Bekenntnissen, Kurzfilmen und Fotos, die auf iPods und Headphones des Museums verfügbar sind.

Im Jahr 2014 wurde Scott Holmquist vom Museum dazu eingeladen, diesen interaktiven Raum zu übernehmen. Mit seiner neuen Ausstellung hat er die Dauerinstallation grundlegend geändert, um eine zukünftige Geschichte von Kreuzberg zu präsentieren oder, um genauer zu sein, die Gegenwart als Vergangenheit zu zeigen, betrachtet aus dem Jahr 2968, aus einer Zeit, als der Bezirk eine Art Indianerreservat geworden ist (darauf spielt die „Dritte Mauer“ im Ausstellungstitel an). Eine letzte Festung des „psychedelischen Widerstands“, wo der freie (oder tolerierte) Drogenkonsum Teil davon ist, die ihren alternativen Frieden im Angesicht einer Außenwelt lebt, die absurd, angstvoll und konservativ geworden ist, bis zu dem Punkt der Wiedererrichtung einer Berliner Mauer.

Die Quellen des mythologisierenden Klangs der Ausstellung und seine entscheidenden Bezugspunkte sind in Nordkalifornien zu finden. Von dort knüpft Holmquists Arbeit an die handwerklichen Praktiken der Hippiesubkulturen von Cannabis-Bauern. Von zentraler Bedeutung für seine kreative Produktion sind die Bücher, an denen er (auf irgendeine Weise) seit zwanzig Jahren arbeitet. Seine Kodizes, welche sorgfältig gestaltet und manuell produziert sind, umfassen Geschichten des Cannabisanbaus, Ideologien der Gemeinschaftslebensstile und Aufzeichnungen über den Alltag von Pot-Bauern in den Countys Southern Humboldt und Northern Mendocino. Durch seine riesigen Buch-Collagen, welche private Dokumente, Zeitungsartikel und Auszüge aus literarischen Arbeiten enthalten, strebt Holmquist an, die Epoche eines Ortes festzuhalten, „eine historische Kernprobe“, wie er sagt.

In der Ausstellung zu sehen sind seine fünf Bücher in Form von Skulpturen, die die vollständige Buchserie „chronic freedom“ enthält. Die am wenigsten konventionelle ist light (2010), welche aus großen transparenten Acetatfolien aufgebaut ist, die mit Texten und Diagrammen bedruckt und an einem Skelett befestigt sind, das aus zerbrochenen Natriumdampflampen besteht. Um das Buch zu schließen, werden die Seite gerollt, und wenn es offen ist, hängen sie von Haken herab, die in die Holzbox des Buchs eingebaut sind. Das Werk ist eine poetische Anspielung auf die lampen-beschienenen Räume des Indoor-Cannabis-Anbaus.

Big Drug Factory - Unfound hingegen vermittelt ein ganz anderes Erlebnis: ihm fehlt der bukolische Klang des Bauernlebens. Dieses Buch ähnelt einer Sammlung von Dokumenten zum Mord von Dirk Dickenson, der im Alter von 27 Jahren 1972 während einer Razzia von der Polizei erschossen wurde. Viel später, Anfang der Neunziger, als die illegale Drogenproduktion zum Kern der örtlichen Wirtschaft geworden war, bewaffneten sich einige Kinder der Hippies aus dem Jahr 1960, die die pazifistische Haltung ihrer Eltern in Frage stellten, gegen Diebe. Geschichten von tödlichen Raubüberfällen machen die ersten Abschnitte von „chronic freedom“ aus, dem Titelband der Serie. Diese sind den Biografien von drei jungen Cannabis-Bauern gewidmet, die alle gewaltsam starben. Holmquist rief das Kunstwerk „chronic freedom“ ins Leben, als er jeder der drei Familien, über deren tote Söhne erzählt wird, einen Band schenkte. Die stockende Stimme des Chronisten wird durch den Stapel leerer Seiten zwischen den Kapiteln heraufbeschwört, von denen jede echte Kugel für Handfeuerwaffen enthält, als wären sie gekommen, um dort zu bleiben, nachdem sie abgefeuert worden waren.

In seiner neuen Ausstellung zieht der Künstler Parallelen zwischen der Geschichte von Kreuzberg und diesem "erfolgreichen psychedelischen Aufstand" (Holmquists eigene Terminologie) in Kalifornien. Er beschwört den kalifornischen Mythos zusammen mit einem idealisierten örtlichen – Berliner – Drogenhandel, wobei der „letzte Held“ die illegalen Einwanderer aus dem Afrika südlich der Sahara darstellt, die jetzt Pot im Görlitzer Park verkaufen. Das Denkmal des letzten Helden, welches im Jahr 2968 zerstört sein wird, taucht auf Homquists Karte aus der Zukunft auf. Jedoch verlieren diese außergewöhnlich dynamischen illegalen Orte (Southern Humboldt County in Kalifornien und Kreuzberg in Berlin) im pseudo-sakralen Universum des Künstlers die Fähigkeit, mit ihren umgebenden konservativen Welten zu kommunizieren, welche sie zu umzingeln drohen. Eine Manifestation dieser komplexen, fiktiven Behauptung ist der Austausch der originalen Beschriftungen auf der Museumskarte gegen abstrakte "Klangbild"-Abbildungen der Zukunft.

Dieser in sich geschlossene und herrliche Sakramentalismus kommt in der Ausstellung an mehreren sprachlichen und stilistischen Punkten zum Vorschein. Die „Kodizes“ zum Beispiel sind tief in einem geschlossenen Stand angeordnet, der durch eine Glaswand für Besucher abgesperrt ist, sodass die Bücher nicht gelesen werden können, auch wenn Sie offen sind. Sie scheinen die Rolle von Reliquien, statt die von Büchern zu spielen. Diese Geheimhaltung soll laut der Absicht des Künstlers die Privatsphäre der Familien schützen. Darüber hinaus stellt er den Zweck der physischen Anwesenheit des Buchs in Frage, um die alternative sakramentale Auslegung abzulehnen.

Einer der interessantesten Teile der Ausstellung zeigt die Auswahl des Künstlers aus den eigenen Materialien des Museums, die von einer Sammlung stammen, welche sonst im Lager liegt und nun eine ganze Ecke der Ausstellung einnimmt. Diese erstaunliche Assemblage von Zeitschriften, Fotos und Objekten, welche ihren Ursprung hauptsächlich in den 1970ern und 80ern hat, bestätigt die Kreativität und Entschlossenheit von Berliner Hausbesetzern, Marxisten, Punkern und Radikalfeministen, als politisch bewusste Chronisten des Alltagslebens in Kreuzberg zu handeln.

In Holmquists Projekten ist ein konspirativer, pseudo-religiöser und exklusionistischer Wortschatz spürbar, doch der Kontext seines Werks ist mit Traditionen des zivilgesellschaftlichen Aktivismus, Widerstands und anderen Formen öffentlicher Selbstorganisation im Einklang, welche in Kreuzberg immer noch übliche Praxis zu sein scheinen. Angesichts dieses Widerspruchs scheint seine Ausstellung einer alten Sekte eine Stimme zu verleihen, die aus der Vergangenheit zu uns spricht und ihre unumkehrbaren Prophezeiungen in eine hoffnungslose Zukunft projiziert.


* In dem ungarischen Titel der Zeitschrift für das Kunstwerk wurde „Held“ als „Ritter“ übersetzt. In dieser deutschen Version erscheint „Ritter“ als „Held“.

** In Zusammenarbeit mit „Peace. Love. Insurgency.“ - eine Kunstinstallation mit dem Künstler Kenseth Armstead bei Furthermore in Washington, DC.

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